Karpfen-Sushi und eine Madonna

Das Waldviertel und tolle österreichische Schauspieler spielen die Hauptrolle in der Reihe "Braunschlag". David Schalkos Story über den verzweifelten Kampf einfacher Menschen gegen Bankrott, Alkohol und Einsamkeit.
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02.03.2012 | 18:46 | von Isabella Wallnöfer, Die Presse

Manchmal hilft nur ein Wunder! Gerri Tschach, Bürgermeister des verschrobenen Örtchens Braunschlag, will die finanzielle Not seiner Gemeinde lindern und täuscht – weil sogar die frischen Waldviertler Karpfen-Sushi keine japanischen Touristen zum Ufo-Landeplatz locken – eine Marienerscheinung vor. Nur die Konsequenzen hat der nicht mit besonderem Weitblick gesegnete Gerri nicht bedacht. Wie konnte er das auch ahnen, zumal plötzlich immer mehr Unerklärliches geschieht – ganz ohne sein Zutun. Dass der alte Matussek dank der Auflegung zweier Meerschweinchen vom Sterbebett aufsteht, ist ja noch erfreulich. Aber dann! Gerris vernachlässigte Ehefrau sucht sich in einem Furry-Club einen als Hasen verkleideten Fremden zum Kuscheln. Matusseks Tochter Elfi wird von ihrem Richard schwanger, obwohl der unfruchtbar ist. Und der nach Jahren wundersam wieder aufgetauchte Schäfer „Bauxi“ zerfleischt Matussek, dessen Leiche verschwindet, während seine Hinterlassenschaft „Braunschlag“ zum Geisterdorf werden lässt.

 

Hervorragend: Ofczarek im Dauersuff

David Schalkos Story über den verzweifelten Kampf einfacher Menschen gegen Bankrott, Alkohol, Neid und Einsamkeit oszilliert zwischen Witz und Wahnsinn. Und sie ist grotesk bis an die Schmerzgrenze. Würden ihn nicht allesamt hervorragende Schauspieler in Szene setzen, Schalkos grimmiger Humor hätte sowohl sprachlich wie auch szenisch im Fiasko enden können. Robert Palfrader ist die Rolle des vom Leben gebeutelten Bürgermeisters auf den Leib geschrieben. Dessen zum Befreiungsschlag ausholende bessere Hälfte Herta wird von Maria Hofstätter gekonnt als unterwürfiges Mütterchen mit aufmüpfigen Tendenzen interpretiert. Nina Proll ist als lüstern-dämliche Elfi die ideale Landpomeranze an der Seite eines hervorragenden Nicholas Ofczarek, der im Dauersuff durch die Szenerie torkelt. Schalko habe „Thomas Manns ermüdende Buddenbrooks in einen Sommer gepackt“, meint ORF-Fernsehfilmchef Heinrich Mis. Geschehen würde derlei nicht nur auf dem Land. Das findet auch Palfrader: „Mafiöse Strukturen gibt's überall.“ Aber mit dem Waldviertel ist der gebürtige Waidhofener Schalko besonders verbunden – deshalb traut er sich auch an Beschimpfungen wie „Mohnzuzler“ oder „Dorf-Sartre“. Und den Ufo-Landeplatz gibt's tatsächlich.

„Braunschlag“ ist keine Serie. Vielmehr „ein neues Genre“, sagt Mis, „ein TV-Roman in Fortsetzungen.“ Schalko treibt Gerris Geschichte in den acht Folgen derart auf die Spitze, dass er „nicht weiß, was man da noch machen könnte“. Dass die acht Teile bereits ab 9. März auf DVD erhältlich sind, aber erst im Herbst im ORF-TV gezeigt werden, ist neu. Und hat drei Gründe. ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner will „Braunschlag“ als ein Filetstück ihrer programmlichen Neuerungen präsentieren – und die Reihe in acht Wochen ohne Unterbrechung (etwa durch Fußball) zeigen. Das sei wichtig, meint Schalko, weil es nicht wie in episodischen Serien in jeder einzelnen Folge um eine in sich geschlossene Geschichte geht, sondern um einen Handlungsverlauf über acht Abende. Andererseits entspreche es auch „modernem Serienverhalten“: „Die Gruppe derer, die Serien auf DVD schaut, ist kleiner, als jene, die im Fernsehen zuschauen. Aber sie macht die Stimmung.“ In dem Fall ist Kultstatus durchaus möglich.