Damit die Arbeit nicht überlastet

Psychisch belastete Mitarbeiter kommen Unternehmen meist teuer. Die Führungskräfte sind gefordert, frühzeitig gegenzusteuern und Selbstständigkeit zu fördern.
/ Marin Goleminov

30.03.2019 | 12:00 | von Sissy Rabl, Die Presse

Als ich Geschäftsführer eines Krankenhauses war, hab' ich mich öfter in die OP-Säle hineingeschmuggelt. Sonst bekommt man ja nicht mit, woran es hapert“, sagt Reinhard Pichler. Jetzt ist er Berater und unterstützt Unternehmen dabei, Mitarbeiter psychologisch zu betreuen und Belastungen auszugleichen.

Viel wird über diese Belastungen gesprochen, Zahlen dazu gibt es nur wenige. Der Arbeitsgesundheitsmonitor der Arbeiterkammer erhob 2016, dass sich knapp ein Drittel der Arbeitnehmer stark belastet fühlte. Zwei Drittel fühlten sich arbeitsbedingt gestresst, besonders Lehrer, Schicht- und Bauarbeiter, aber auch Pflegepersonal und Einsatzkräfte.

Die Ursachen dafür reichen von hohem Lärm und fehlenden Rückzugsräumen am Arbeitsplatz über mangelhafte Wertschätzung, monotone Aufgaben, Kontroll- oder Sinnverlust bis hin zu Überforderung, Überstunden und fehlenden Regenerationsphasen.

Geld löst das Problem nicht

Führungskräfte sind gefordert, diese Probleme rasch zu erkennen. Schließlich sind Krankenstände, innere Kündigung und Personalfluktuation für das Unternehmen teuer. Es hilft, die Themen anzusprechen – woran es in der Praxis zum Teil noch immer hapert. Dabei sei es nicht so schwer, ins Gespräch zu kommen, sagt Pichler, etwa im Pausenraum und bei regelmäßigen Rundgängen durch Büro oder Fertigung. Hilfreich sind auch Mitarbeiterbefragungen und -gespräche, die zeigen, woran gearbeitet werden sollte.

„Eine Gehaltserhöhung ändert aber nichts am Problem“, sagt Pichler. Die Belastung bleibt. Eher würden Maßnahmen wie Resilienzschulungen und Gesundheitsförderung helfen, abhängig von den individuellen Bewältigungsstrategien. Denn das Problem ist nicht, ab und zu unter beruflich und/oder privat unter Druck zu geraten, sondern sich nicht mehr befreien zu können. „Stehaufmenschen“ nennt die deutsche Resilienzexpertin Monika Gruhl jene, die den Druck selbst abschütteln können. Zudem bedarf es dafür meist struktureller Maßnahmen. Etwa

Ressourcenfragen zu stellen: Gibt es genug Personal oder arbeiten alle am zeitlichen und körperlichen Limit?

Gestaltungsspielräume: Je größer sie sind, desto höher sind Motivation und Zufriedenheit.

Unternehmenskultur: Die interne Kommunikation stärken und gesunde Konfliktkultur fördern.

Erholungspausen: Individuell zugeschnittene Regenerationsphasen helfen im stressigen Alltag. Ebenso flexible Arbeitszeiten.

Wertschätzung: Feedback stärkt das Selbstwertgefühl und fördert die Freude an der Arbeit, rät Carolin Müller von EuPD research.

Ein weiterer Baustein ist, „Awareness zu schaffen. In Österreich ist es immer noch stigmatisiert, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Johannes Fell von Instahelp. Das Grazer Start-up bietet psychologische Beratung online an. Der Zugang ist niederschwelliger und Nutzer fühlen sich weniger exponiert, als wenn sie beim Psychologen an die Tür klopfen müssen. Mitarbeiter können so einen digitalen Stresskurs absolvieren oder anonymisiert mit Psychologen über private und berufliche Probleme sprechen. „Arbeitsstress lässt sich schwer von privatem trennen. Mitarbeiter reden mit den Psychologen über Ängste, Stress, Selbstoptimierung oder Familienplanung“, sagt Fell.

Das große Ziel dahinter heißt Kompetenzstärkung: Mitarbeiter sollen in die Lage gebracht werden, Arbeitsplatz und -abläufe selbstständig zu gestalten, und auch Nein zu sagen lernen. Das könne tatsächlich Realität werden, sagt Pichler, denn die Generationen Y und Z seien „selbstbewusst genug, ihre Grenzen offenzulegen.“


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