Bulgarien: Die Unaufgeregtheit in Destination

Nein, nicht der berühmte Goldstrand, sondern eine Kleinstadt, die bereits den Griechen gefiel. Geruhsame Tage lassen sich an den Gestaden von Balchik erleben. Der schönste Ort ebendort heißt Stilles Nest.
Ruhe über dem stillen Nest. / (c) imago/robertharding

25.05.2018 | 20:30 | Von Lisbeth Legat, Die Presse

Es gibt sie noch, die versteckten und eher unbekannten Plätzchen, an denen man selbst im Hochsommer Urlaub am Meer machen kann, ohne von Touristenmassen erdrückt zu werden, ohne grölende, kübeltrinkende Adoleszenten ertragen zu müssen, nervenaufreibender Trashmusik ausgesetzt zu sein und sich um einen Platz am Strand zu raufen. Eines dieser Plätzchen ist Balchik am Schwarzen Meer, rund 30 Kilometer östlich von Varna.

Ein historischer Ort, keine schnell hochgezogene Destination: Gegründet wurde Balchik von den Ioniern im 7. vorchristlichen Jahrhundert. Nannte man die Stadt ursprünglich Krounoi (Frühling), wurde sie im 3. Jahrhundert v. Chr. in Dionysopolis (Stadt des Dionysos) umgetauft und entwickelte sich zu einem wichtigen Hafen für die Griechen. Und natürlich waren auch die Römer da, die die Stadt im 1. Jahrhundert n. Chr. ins Römische Reich eingliederten; ihre Blütezeit erlebte sie in den zwei Jahrhunderten darauf. 544 zerstörten ein starkes Erdbeben und gewaltige Überflutungen die Stadt. Die Überlebenden bauten in sicherer Höhe eine neue Siedlung auf. Sehr viel später, im 11. Jahrhundert, wurde diese dem bulgarischen Reich Karvuna einverleibt und erhielt ihren heutigen Namen.

In der Neuzeit war eine der Ersten, die sich von der kleinen Hafenstadt begeistern ließ, die rumänische Königin Maria (Balchik gehörte von 1913 bis 1940 zu Rumänien). Sie ließ sich dort 1924 ein Sommerschloss hinstellen, und damit auch die Umgebung passt, einen botanischen Garten, stilles Nest genannt, anlegen. Da sie offenbar eine kluge Frau war und nichts von protzigen Palästen hielt, beauftragte sie die beiden italienischen Architekten Amerigo und Augustino, nicht einen Riesenpalast zu planen, sondern neben dem eigentlichen, eher kleinen Bau im botanischen Garten auch noch eine Villa und ein Minarett (angeblich hatte sie einen Geliebten, der Muslim war) zu errichten. Der Stil dieser Gebäude ist sehr ansprechend, Stein und Holz, und eine eigenartige Mischung aus bulgarischen, maurischen, orientalischen Elementen. Der Garten wurde von dem Schweizer Landschaftsarchitekten Jules Janine entworfen und ist dem verwinkelten Palast von Knossos nachempfunden – noch heute eine veritable Attraktion in Bulgarien und Weltkulturerbe. Mit ihrer Begeisterung für Balchik hat die Königin sozusagen den Tourismus eingeläutet, denn natürlich folgten ihr bald der rumänische Adel und viele Künstler.

 

In Hanglage, auf halber Höhe

Heute präsentiert sich Balchik als völlig unprätentiöser Urlaubsort, der hauptsächlich von rumänischen, bulgarischen und englischen Gästen frequentiert wird. Wobei es in Balchik, da es sich einen Hang hinaufzieht und von unbebauten Felsen durchzogen wird, eigentlich drei Stadtzentren gibt: am Meer die touristische Infrastruktur mit zum Teil schönen alten Gebäuden, auf halber Höhe ein weiteres kleines Zentrum, das eher von Einheimischen bewohnt wird, und ganz oben, auf einem Hochplateau, die Stadt der Plattenbauten, einheimischen Märkte und kleinen Geschäfte.

Beim Meer selbst findet man noch jede Menge Platz. Wem nach italienischem Urlaubsfeeling ist, der sollte den allgemeinen Strand aufsuchen – einen klassischen Sandstrand mit den üblichen Vergnügungen und eher viel besucht. Ruhiger ist eine Wanderung auf der vier Kilometer langen Strandpromenade. Da wurde auf der einen Seite Sand aufgeschüttet, Liegeplätze wurden eingerichtet. Will man schwimmen gehen, muss man eine kleine Stiege ins Meer hinabsteigen, da die Strandpromenade mit großen Felsbrocken geschützt ist. Im Meer selbst wandelt man wieder auf Sandboden.

 

Ungestümeres Meer

Der mit Abstand schönste Abschnitt liegt fast am Ende des Promenadenwegs und der Bucht, direkt zu Füßen des botanischen Gartens, unterhalb des Minaretts. Hier wacht ein Baywatcher über das Geschehen, was manchmal notwendig ist, da das Schwarze Meer ein wenig ungestümer ist als die Adria. Wenn die Rote Flagge aufgezogen wird (was nicht oft vorkommt), müssen die Badenden das Meer verlassen, da wird der Baywatcher streng. An diesem Platz sind die Liegen nicht einmal zur Hochsaison komplett besetzt, überdies gibt es dort eine nette Bar, in der man sich Getränke holen und bequem das Meer – oder die Gäste – beobachten kann.

Und ja, natürlich, die kulinarische Versorgung! In der Nähe von Balchik befindet sich eine Miesmuschelzucht mit exzellenten Muscheln, die man selbst in Monaten ohne r bedenkenlos verspeisen kann, da das Meer dafür sorgt, dass die Muscheln auch in diesen Monaten nicht verweichlichen. In jedem Restaurant werden sie angeboten, am besten schmecken sie in einem ganz kleinen Lokal (Stilles Nest) fast am Ende der Bucht. Zur Orientierung, was die Preise betrifft: Dort legt man für 600 Gramm Muscheln nicht ganz vier Euro hin. Und natürlich empfiehlt sich Fisch. Besonders beliebt sind Gobi – kleine Sprotten, die man als Ganzes verzehrt, sowie Doraden (Goldbrassen). Auf der anderen Seite dieses Strandabschnitts liegt mit dem Korona eines der besten Restaurants Bulgariens (ebenfalls höchst erschwinglich). Hier wird, abgesehen von den üblichen Muscheln und Meeresgetier, unter anderem Bistecca alla fiorentina angeboten, zudem ausgefallene Salatkreationen.

Apropos Salat: Obligatorisch an der bulgarischen Küste ist Schopska-Salat, eine Art griechischer Salat, allerdings ohne Oliven. Der milde hiesige Schafkäse wird darübergeschabt, was den Vorteil hat, dass er sich besser mit der Marinade vermischt.

 

Nationalsalat

Sehr gut isst man auch in El Simpatico näher beim Zentrum. Hier gibt es zudem eine große Bar mit einer Riesenauswahl an Cocktails. Wenig überraschend, dass man hier die meisten englischen Gäste trifft. Wer selbst gemachtes bulgarisches Essen bevorzugt, muss sich ein wenig vom Strand weg- und einen der Hügel hinaufbemühen (Tipp: Taxi nehmen). Das Prestige bietet Tagesmenüs mit klassischen Gerichten aus der bulgarischen Küche, wie gefüllten Paprika, gefüllten Weinblättern, einer Art Moussaka, Hühner- oder Schweinefleisch mit Gemüse – und immer viel Joghurt.

Dass alles abends die Promenade entlangdefiliert, ist wohl kaum einer Erwähnung wert – essen geht, anschließend einen Drink nimmt. Zum Übernachten ist die Auswahl groß, es gibt Viersternehotels wie einfache Gästezimmer und Appartements. Wer sich lieber nicht mit dem Volk gemein macht, kann ein paar Kilometer außerhalb in einem der Resorts absteigen, die alle Stückerln spielen und die alle an einen Golfplatz an den thrakischen Klippen angebunden sind. Aber will man das, wenn man Balchik pur haben kann?

Badeziel mit Geschichte

Hin: Mit Auto in zwei Tagen, inkl. Übernachtung. Sonst Flug Wien–Varna.

Schlafen: Regina Maria Spa Design Ho-tel (reginamariaspa.com), Elite Palace und Spa (spahotelelite.com), Mistral (ho-telmistral bg.com). Außerhalb: Black Sea Rama Golf & Villas (blacksearama.com)

Essen: El simpatico, el-simpatico.com; Korona: T.: +359/57 976 847; Hemingway: T.: +359/88 854 6310

Dort: Varna, rund 30 km entfernt, hübsche Stadt, kulturelles Zentrum, archäologisches Museum mit ältestem Goldschatz der Welt.
Kap Kaliakra, schmale Landzunge, 70 m hohe senkrechte Klippen, unter Denk- malschutz, Höhlen und Robbenkolonie. Gut zum Delfinbeobachten. Kleine Wanderung zwischen Ausgrabungen.