Fotos ohne Kamera: Fotogramme von Moholy-Nagy

Der Ungar Laszlo Moholy-Nagy gilt als Fotokunst-Pionier und Lehrer für neues Sehen, mit einer innovativen Technik machte er Fotos ohne Kamera. Nun erscheint ein Werkverzeichnis der abstrakten Bilder.
/ (c) Hatje Cantz Verlag

07.12.2009 | 15:42 | DiePresse.com

Der ungarische Avantgardist, Lehrer und Fotograf Laszlo Moholy-Nagy gilt als einer der einflussreichsten Lehrer des neuen Sehens im 20. Jahrhundert. Er begeisterte sich für das Fotografieren ohne Kamera, bei dem Gegenstände direkt aufs Fotopapier gelegt und belichtet werden (Fotogramm). Dabei entstehen oft kaum vorherzusagende Effekte, wenn etwa metallische Gegenstände das Licht aufs Papier streuen und Teile davon zugleich abdecken. Was Moholy-Nagy dabei zuwege brachte, wurde nun in dem neuen Werkverzeichnis "Catalogue Raisonne" von Renate Heye und Floris Neusüss ausführlich zusammengestellt und analysiert. Mitgeholfen hatte Moholy-Nagys Tochter Hattula.

Alle momentan bekannten rund 450 Werke, die bisher vielfach nur in historischen Publikationen oder Katalogen zu sehen waren, sind hier zusammengetragen. Neusüss hatte bereits 1990 den Band "Das Fotogramm in der Kunst des 20. Jahrhunderts" vorgelegt, das die Fotografie ohne Kamera ausführlich beleuchtete.

Vom Tee-Ei zum abstrakten Muster

Das Licht selbst sollte sich dem Papier einschreiben, selbst Formen schaffen, schrieb Moholy-Nagy im Februar 1929. Dazu bediente er sich oft jener Objekte, die von den Schülern am Dessauer Bauhaus der von ihm geleiteten Metallklasse am Bauhaus geschaffen wurden. Ein Tee-Ei mit langem Griff etwa wird im Zuge der Belichtung wieder und wieder an andere Stellen des Papiers gelegt, bis sich die Konturen des Gebrauchsgegenstandes gegenseitig durchdringen, sich miteinander verweben und sich die Umrisse schließlich in einer abstrakten Form auflösen.

Dieses Thema variierte Moholy-Nagy mit großer Geduld. Die ersten seiner Fotogramme stammen aus dem Jahr 1922, bis zu seinem Tod 1946 griff er immer wieder zu dieser Technik, zur reinen Gestaltung des Lichtes. Auch durch seine Mehrfachbelichtungen wurde er zu einem der Pioniere der experimentellen Fotografie. Zuweilen wurde ein fertig entwickeltes Fotogramm auch wieder auf ein neues Blatt Fotopapier gelegt, um eine Kontaktkopie zu schaffen. So kommt es zu immer neuen Variationen.

Variationen mit Papier

Die damals üblichen Papiere ließen sich durch die Chemikalien nicht bloß zu reinen Schwarz-Weiß-Bildern entwickeln: Variationen der Substanzen und des Dunkelkammerprozesses ließen leichte Farbstiche (Tonungen) entstehen. Variieren lassen sich auch die Zeiten, in denen das Papier in der Entwicklungsschale bleibt. So entstehen jeweils Unikate, die zu einem kleinen Teil in Ausstellungen, teils in Zeitschriften, teils in den Bauhausbüchern zu sehen waren.

Moholy-Nagy verfolgte seine Fotogramme mit immer neuem Enthusiasmus auf der Suche nach der neuen Form. Die weich ineinander fließenden Flächen und Schatten schaffen ästhetisch-abstrakte Abbilder, die anderen als Vorbild galten und ein historisch wichtiges Kapitel der abstrakten Fotografie begründen.

Das Buch
Renate Heye, Floris Neusüss

"Catalogue Raisonne: Moholy-Nagy - The Photograms"

Verlag Hatje Cantz, Ostfildern

312 Seiten, 616 Abbildungen

80,20 Euro

ISBN 978-3-7757-2341-1